Dienstag, 11. September 2007

Schreiende Stille #2: Ich will zum Eishockey - costa, was es wolle



Hier eine Westentaschen-Schockergeschichte, die ich für das Freiburger Eishockeymagazin "live" geschrieben habe. Der Anlass war ein Derby um Halloween zwischen den Wölfen und dem SERC. Autobiografische Hinweise im Sinne einer boarderline-esken Auflösung von Raum und Zeit sind beabsichtigt:

Der Schneesturm wird immer dichter, das Autoradio läuft. Die Sicht? Unter 30 Meter. Spielbeginn im Bauchenbergstadion ist 19 Uhr, es wird schon reichen. B 500, nahe Kniebis. Mein Handy hat nur noch einen von fünf Balken Empfang. SWR 3 wird immer undeutlicher, bis die freundlichen Moderatoren schließlich ganz verstummen. Ein Tramper! Und Sekunden später auf meinem Beifahrersitz: Schlagerbarde Costa Cordalis, halb liegend, halb sitzend. Er trägt eine Killernietenjacke. Das Kauderwelsch aus griechischem Schwäbisch und Geröchel lässt mich erschaudern. Irgendetwas passt ihm nicht, er krümmt sich. Panik! Dann ein befreiender Schrei, und endlich hält er eine Rippe in der linken Hand. Er versucht sie verzweifelt in das Kassettendeck meines Autoradios zu pressen. Es misslingt. Eine Stimme aus dem Off spricht zu mir: Sie haben drei Möglichkeiten diese Situation zu lösen. Erstens: Melden Sie sich sofort bei der nächsten Polizeistation. Zweitens: Erzählen Sie dem Dschungelabenteurer, dass nicht SIE seine Tochter auf der Party des Freudenstädter Skiklubs letztes Wochenende angesprochen haben, sondern umgekehrt. Drittens: Verschenken Sie Ihre Eintrittskarte für das heutige Spiel SERC gegen Wölfe Freiburg. Ich habe zehn Sekunden Zeit, die Uhr tickt ab jetzt, Publikumsjoker gibt es nicht. Mein Handy hat mittlerweile gar keinen Empfang mehr, Option 1 scheidet also aus. In der Tat sprach jedoch ICH seine Tochter im Freudenstädter Kurhaus an, nicht umgekehrt, und Option 2 wäre somit eine glatte Lüge. Meine Meinung zu Vorschlag 3 können Sie sich denken. Niemals. Es bleibt also nur eins: kühlen Kopf bewahren, weiterfahren und hoffen, dass sich mein Gast beruhigt, mit einer von mir spendierten Capri Sonne.

Noch etwa 40 Kilometer bis Schwenningen, es schneit noch immer und ich erkenne erst jetzt einen kleinen SERC-Aufnäher auf Costa Cordalis’ Killernietenjacke. Die Sache von eben mit der Rippe hat mir schon nicht gefallen und jetzt auch das noch. Mir kommen erste Zweifel, ob es sich tatsächlich um Costa Cordalis handelt, der da neben mir sitzt. „Eishockeyfan?“, ist meine erste Frage seit fast einer halben Stunde. Aus dem Mund der eben noch finsteren Gestalt kommt ein freundliches „Klar, ich heiße übrigens Hans-Günther.“ Angenehm. Schon unterhalten wir uns angeregt über das anstehende Derby und über die Rivalität der beiden Lager. Sie ahnen es: was den möglichen Ausgang der Partie angeht, werden wir uns nicht einig. Seltsamer Typ, denke ich mir beim Abschied vor dem Stadion. „Danke fürs Mitnehmen und nochmals sorry wegen der Sache mit der Rippe.“ Kein Problem, so was kommt vor.

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